Shine with shiatsu journal
Vielfalt am Lebensende. Bericht über die Messe „Leben und Tod“ in Bremen, Mai 2025
Die Messe „Leben und Tod“ findet bereits seit über 15 Jahren in Bremen statt. Sie ist ein Treffpunkt für Fachleute aus der Bestattungsbranche, ehrenamtliche Helfer und alle, die Menschen am Lebensende begleiten. Das Institut für einen guten Tod wurde als offizieller Partner der diesjährigen Ausgabe zur Zusammenarbeit eingeladen. Das Leitthema in diesem Jahr war die Vielfalt – „Sind wir am Lebensende alle gleich?“
Mit großer Freude machten wir uns also mit einer achtköpfigen Delegation unseres Kollektivs auf den Weg nach Bremen. Ziel war es, polnische Trauertraditionen vorzustellen, die Arbeit unseres Instituts näherzubringen und mehr über die Trends der deutschen Bestattungsbranche zu erfahren.
1. Polnischer Beitrag auf der Messe
Schon bei der Eröffnung der Messe erklang Akkordeonmusik. Katarzyna Jackowska-Enemuo und Marta Tarnowska präsentierten polnische Trauerlieder. Zunächst bei ihrem Auftritt auf der großen Bühne, später in kleiner Runde bei den Workshops. Die Teilnehmer konnten sowohl erfahren, worum es in diesen Liedern geht, als auch sie gemeinsam in der Gruppe singen. Die Atmosphäre des Workshops war einzigartig. Obwohl keiner der Teilnehmer die polnische Sprache beherrschte, ermöglichte das gemeinsame Singen, die Kraft dieser Lieder zu spüren. Traditionell wurden sie in der Zeit zwischen Tod und Beerdigung gesungen.
In einem anderen Vortrag erzählte die Gründerin des Instituts des Guten Todes, Anja Franczak, von dessen Entstehung. Sie berichtete von den ersten Schritten und davon, wie es zur Gründung des Kollektivs kam. Anja hob den Wert interdisziplinärer Arbeit hervor. Das Institut ist ein hervorragendes Beispiel dafür, welche Synergieeffekte aus Vielfalt entstehen können. Sowohl der Vielfalt der Kollektivmitglieder als auch der Verbindungen, die dank völlig neuer Ideen und Initiativen entstanden sind. Ein Beispiel dafür war beispielsweise die Aktion, bei der in einer Kunstgalerie in Breslau ein Sarg gebaut wurde, verbunden mit einem Raum für Gespräche über Leben und Tod.
Die kulturelle Vielfalt war am Stand des Instituts zu spüren, der sich großer Beliebtheit erfreute. Aus Warschau hatten wir Körbe voller Kräuter mitgebracht. Darin befanden sich vor allem Beifuß und Rainfarn. Gerade diese Kräuter hatten früher eine besondere Bedeutung. Im polnischen Volksglauben wurden sie in den Sarg gelegt oder verbrannt, um die Seele des Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits zu beschützen. Auf der Messe in Bremen hatten die Besucher die Möglichkeit, selbst Weihrauch aus Beifuß und Rainfarn herzustellen und als Andenken mitzunehmen. Am Stand richteten wir auch eine heilige Ecke ein. In der alten Tradition war dies ein besonderer Ort im Haus, der dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet war. In der heiligen Ecke standen Weizen (Symbol des Lebens), Mohn (Symbol des Schlafes und des Todes) sowie Honig (Symbol der Unsterblichkeit).
2. Sterben queere Menschen anders?
Auf der Messe fanden zahlreiche Vorträge und Workshops zum Thema Vielfalt statt. Einige davon gaben viel Stoff zum Nachdenken.
Gleich zu Beginn der Messe hörte ich den Vortrag von Dr. phil. Axel Doll. Er erzählte mit welchen Herausforderungen LSBTIQ+-Menschen im deutschen Gesundheitssystem zu kämpfen haben. Mangelnde Akzeptanz und Abwertung führen dazu, dass sich durchschnittlich 18 % queerer Menschen im deutschen Gesundheitswesen diskriminiert fühlen. Am meisten betroffen sind trans Personen (40 %) und inter Personen (43 %). Dabei geht es nicht nur um schiefe Blicke und gehässige Kommentare. Ein Satz blieb mir besonders im Gedächtnis. Dr. Doll berichtete, dass eine höhere Karzinom-Rate bei trans Männern festgestellt wurde. Der Grund dafür ist, dass ihnen der Zugang zu bestimmten Leistungen oftmals verweigert wird. Diskriminierung hat also klare gesundheitliche Folgen.
Dr. Doll sprach über die Ängste der LSBTIQ+-Community. Die Bedürfnisse dieser Menschen werden in vielen Pflegeeinrichtungen nicht berücksichtigt. Es besteht noch großer Bedarf, die Umstände zu verbessern – sowohl durch passende medizinische Angebote und Wissensvermittlung als auch durch einfühlsames Verständnis für individuelle Lebenslagen. Es geht um sensible Sprache, emphatische Pflege, respektvollen Umgang mit der Biografie der Patientinnen und Patienten sowie die Anerkennung vielfältiger Familienmodelle, um nur einige Themen zu nennen.
Die deutsche Gesellschaft verändert sich. Junge Menschen in Deutschland, die der „Gen Z“ zugeordnet werden können, sind viermal so queer wie die Generation ihrer Großeltern. Deshalb werden uns Fragen zu den Bedürfnissen der LSBTIQ+-Community auch in Zukunft begleiten.
3. Biografie und Beziehungen
In einem anderen Vortrag ging es um die Familie als Ort der Vielfalt. Jede Familie hat ihre eigenen Wurzeln und Traditionen. Dazu gehören Sprache, Religion, der Umgang mit Behinderung, sexueller Orientierung und Privilegien. All das macht sie einzigartig und prägt uns von Kindheit an.
Viele Familien haben darüber hinaus Migrations- oder Fluchterfahrungen. In Deutschland betrifft das mehr als 20 Millionen Menschen. Laut dem Statistischen Bundesamt hat jeder Vierte in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte – entweder er selbst ist eingewandert oder seine beiden Eltern. Dahinter steht ein unglaublicher Wert interkultureller Erfahrung und Expertise. Es ist wichtig, das anzuerkennen und nicht zu schnell in vorgefassten Vorurteilen zu denken. Vielfalt zeigt sich nicht nur in unserem Aussehen, sondern auch in unseren vielfältigen Lebenserfahrungen.
Der Referent Ateş Anton Bükey war weit davon entfernt, Verallgemeinerungen zu treffen. In der Ankündigung seines Vortrags heißt es: „Der Hintergrund eines Menschen lässt sich nicht erahnen, er lässt sich nur erforschen.“ Er plädiert für ein reflektiertes und wertschätzendes Miteinander.
Welchen Einfluss haben familiäre Strukturen auf das Lebensende? Was, wenn biologische Bindungen nicht mehr unterstützend sind? Ich denke dabei an den Begriff der Wahlfamilie. Dazu zählen auch gute Freunde. Es ist ein Netzwerk nahestehender Menschen, das emotional trägt und Sicherheit bietet. Unterstützende Strukturen sind bereits zu Lebzeiten wichtig. Wenn sie vorhanden sind, fühlen wir uns weniger einsam und ausgegrenzt. Das ist besonders in der letzten Lebensphase essenziell.
4. Dem ganzen Menschen begegnen
Queere Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund sterben nicht anders als anderen. Was jedoch anders ist, sind die Bedingungen und Bedürfnisse, die sie haben. Diese ergeben sich oft aus lebenslangen Erfahrungen mit Diskriminierung, mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz und Ängsten. Darüber müssen wir reden. Die Messe „Leben & Tod“ ist ein wunderbares Beispiel für Wissensvermittlung und Dialog.
In einer so diversen Gesellschaft wie Deutschland müssen wir uns fragen: Wie können wir dazu beitragen, dass sich Menschen hier willkommen und zugehörig fühlen? Wir brauchen Sensibilität füreinander. Am besten schon zu Lebzeiten. Menschen sind nie das Problem, sondern unsere Haltung ihnen gegenüber. Unsere Offenheit, in einem anderen Menschen uns selbst zu sehen.
Ale ich auf dem Rückweg im Zug saß, fielen mir die Worte von Margot Friedländer ein, die auch Herr Bükey zitiert hat. Margot Friedländer war eine beeindruckende Persönlichkeit und Holocaust-Überlebende, die Anfang Mai 2025 gestorben ist. Sie sagte:
„Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut“.
Auch wenn wir unterschiedlich sind und unsere Lebenswelten durch verschiedene Erfahrungen geprägt sind, kehre ich gerne zu diesem Zitat zurück. Denn es beinhaltet den Kern einer Haltung, die wir immer haben sollten. Am Ende sind wir alle Menschen – und das verbindet uns am meisten.
Alles Liebe,
Aleksandra
Dieser Blogartikel ist auch auf Polnisch auf der Website des „Instytut Dobrej Śmierci” (Institut des guten Todes) verfügbar.